Online-Nachwuchs verzweifelt gesucht

Mode ist die meistgehandelte Warengruppe im Internet. So schnell wie die Umsätze von Pure Playern und Multichannel-Händlern steigen, steigt auch der Bedarf nach E-Commerce-Spezialisten.

Bestehende Modeunternehmen erweitern ihr Angebot stetig um die Entwicklung von Multichannel-Lösungen - Startups präsentieren Modemarken häufig ausschließlich über das Internet (Pure Player). Die Präsentation von Kollektionen in DOB/ HAKA, Schuhe, Taschen, Accessoires etc. hat dabei keinen geringeren Anspruch als im Einzelhandel. Der Onlineshop wird zum „E-Retail“ und wie bei einer städtischen Filiale gilt es, Maßnahmen zur Verkaufssteigerung zu planen, Qualitätssicherung durchzuführen, optimale Produktpräsentation zu gewährleisten. Viele Unternehmen sehen sich zurzeit dem Problem gegenüber, geeignetes Personal für die wachsenden Anforderungen im E-Commerce zu finden. „Auf eine Stelle kommen 0,2 Bewerber. Das ist ein absoluter Nachfragemarkt“, sagt Harald Fortmann, Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft BVDW.


Erfahrene Führungskraft rar gesät

Insbesondere leitende Positionen zu besetzen ist dabei eine Herausforderung für Recruiter und Scouts. Da für die Besetzung von Führungspositionen in der Regel mindestens fünf Jahre Berufserfahrung vorausgesetzt werden, ergibt sich nur ein sehr schmales Feld von Managern, auf die das überhaupt zutrifft. Der E-Commerce-Sektor insbesondere im deutschen Markt ist noch sehr jung und entsprechend wenige erfahrene Persönlichkeiten gibt es. Daher bauen viele Unternehmen mittlerweile intensiv eigenen Nachwuchs auf und fördern explizit ihr Online-Segment. Beste Chancen haben Absolventen der Informatik, der Wirtschaftswissenschaften und dualer E-Commerce-Studiengänge. Gute Türöffner sind auch Praktika bei Branchengrößen wie Otto und Zalando. Bei Erstellung redaktioneller Inhalte (Blogs, Online-Magazine etc.) sind auch Absolventen der Germanistik/ Journalistik gefragt.
Namhafte Pure Player sind neben Zalando unter anderem die US-Konzerne Amazon und Ebay, die ihre Modesparte derzeit kräftig ausbauen. Es folgen Multichannel-Händler wie Engelhorn. Auch wenn die Konkurrenz durch Filialisten wie P&C besteht: Deren Bedarf an Fachkräften dürfte mit dem Umsatz weiter wachsen. Bei der Rekrutierung könnten sich Fehler der Vergangenheit rächen: „Der Handel hat 30 Jahre lang einen großen Bogen um Akademiker gemacht und nichts gegen das grottenschlechte Berufsbild im Einzelhandel getan“, kritisiert E-Commerce-Forscher Prof. Gerrit Heinemann. Die Folge: „High Potentials sind in der Regel in anderen Branchen zu finden – oder bei progressiv wachsenden Pure Playern.“

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Karriereleiter oder Quereinstieg – die Begeisterung für den Job muss stimmen

„Wichtig sind eine hohe Online-Affinität und Leidenschaft für Mode. Das kann sich auch in einer anderen Studienrichtung entwickeln“, sagt Susan Risse, die bei der Witt-Gruppe das Human Resources-Marketing leitet. Doch ist keine allgemeine Strategie der Personaler etabliert, wo die Expertise herkommen soll. Auch wenn die Verbindung zum klassischen Modegeschäft im Retail hilfreich sein kann, ist die Infrastruktur hinter dem Online-Handel gänzlich verschieden: „E-Commerce ist ein extrem zahlen- und datengetriebenes Geschäft. Es kann teuer werden, wenn man die falschen Schlüsse zieht oder die falschen Hebel anpackt“, erklärt Martin Groß-Albenhausen vom Versandhandelsverband bvh. „Deshalb arbeiten viele Online-Händler nicht mit Einzelhandelskaufleuten, weil diese über zu wenig Verständnis und Know-how verfügen.“ Nina Ehrenberg, E-Commerce-Chefin von Galeria Kaufhof, sieht das anders: „Quereinsteiger mit klassischer Handelskarriere sind genau richtig.“ Die Diplom-Betriebswirtin stellt daher auch gelegentlich Bewerber aus dem Haus ein, die über Einkaufs- und Verkaufserfahrung verfügen. 


Modehandel im Umbruch

Prinzipiell lassen sich im E-Commerce vier Tätigkeitsbereiche ausmachen: Shop-Management, Online-Marketing, Kreation und IT. Diese stehen meist in direkter Verbindung zur Einkaufs-Abteilung des Unternehmens; bei Multichannel-Händlern wird dieser in der Regel zentral gesteuert, wodurch alle Unternehmenssparten auf ein Sortiment zugreifen. Bewerbern, bzw. Einsteigern rät Harald Fortmann: „Wer mehr der agile Agenturtyp ist, der sollte zu einem Pure Player gehen. Wer dagegen ein nachhaltiges Geschäftsfeld in einem konservativen Unternehmen aufbauen will, ist bei einem Multichannel-Händler besser aufgehoben.“ Eine weitere Möglichkeit, Theorie mit Praxis zu verbinden, besteht darin, einen Dualen Studiengang an einer Hochschule zu belegen. Die Witt-Gruppe etwa bietet in Zusammenarbeit mit der Hochschule für angewandtes Management in Erding den Dualen Studiengang E-Commerce an. Die Otto Group arbeitet mit der FH Wedel zusammen. Neben einem Studium verlangt der Hamburger Handelskonzern im Online-Bereich auch verschiedene Soft Skills. „Am Ende sind auch weiche Faktoren wichtig. Was für ein Typ Mensch ist der Bewerber? Ist er ein Team Player? Kann er sich mit Otto, dem Geschäftsmodell und dem Thema Mode identifizieren? Das prüfen wir sehr genau“, sagt Otto-Managerin Nicole Heinrich.
 

Shop-Management

Augenmerk des Shop-Managements liegt insbesondere auf dem Online-Prozess und der Abwicklung von Bestellungen (Orders), also der Garantie eines reibungslosen Auswahl- und Bezahlvorgangs. Hier werden zumeist im Team die Inhalte gepflegt, also neue Modeprodukte/ Preise, Produktbeschreibungen, Produktbilder (zum Beispiel von Schuhen, Kleidern, Hosen), Sonderangebote etc. eingegeben. Teilgebiet dessen ist auch der Bereich Merchandising, bei dem eine Vielzahl von Produkten im Blick zu behalten ist, Kennzahlen zu vergleichen sind und dafür zu sorgen ist, dass die Ware rechtzeitig in den Logistikzentren ankommt. Hier ist enge Koordination mit externen Lieferanten und internen Logistikteams gefragt, um die Waren im Onlineshop schnellstmöglich verfügbar zu machen. Ferner geht es im Shop-Management darum, den Usern eine optimale und zeitgemäße Handhabung der Website (Usability) zu garantieren und durch Analyse des eigenen Shops etwa die Conversion Rate zu steigern. Shop-Manager/innen analysieren das Surf-Verhalten der Kunden und feilen an der Nutzerfreundlichkeit des Angebots, zum Beispiel, indem sie die Navigationsstruktur weiterentwickeln.
 
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Online-Marketing

Fernab der logistischen Leistungen des Handels ist es Allem voran Aufgabe des E-Commerce Management, neue Konzepte zur Verkaufsförderung beispielsweise eines B2C-Online-Shops zu entwickeln und technisch umzusetzen. Hinzu kommt die strategische und konzeptionelle Planung von Maßnahmen wie Mailing- und Display-Advertising in Zusammenhang mit Online-Kooperationen. Sprich: geeignete Platzierungen für Online-Werbung auszuwählen, Email-Marketing zu betreiben, Newsletter zu betreuen und ggf. gesonderte Lösungen für regionale Stores in den Städten oder internationale Country-Shops zu entwickeln. Die Wirkung dessen lässt sich mit Hilfe von Echtzeit-Analysen messen und prüfen: Das ist ein großer Vorteil des E-Commerce. Man kann sofort Auswertungen fahren und sehen, welche Maßnahmen wie erfolgreich waren. Was hat unsere Kunden begeistert? War es die Nutzerfreundlichkeit? War es die Emotion?“, sagt Stefan Sossna, Online-Marketing-Specialist bei Galeria Kaufhof.

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