Trends erspüren

In der Modebranche gibt es viele Berufe, in denen es auf Kreativität ankommt. Styling und Trends unterliegen ständiger Wandlung. Doch nun sind auch neue Strukturen gefragt.


So ganz selbstverständlich, so völlig normal scheint es auch in der Marketing-Branche nicht zu sein, innovative und originelle Dinge zu schaffen. Obwohl dort ständig von „Kreativität“ und „Kreativen“ die Rede ist. Viele Werbefilme, -fotos und -slogans vermitteln den Eindruck, dass allenthalben noch Luft nach oben ist. Für die Modebranche allemal. Dass das Ganze heute kaum noch anziehend und effektiv über eine Anzeige in der lokalen Tageszeitung beworben werden kann, ist bekannt. Dass man als stationärer Modehändler den Vertrieb auf mehreren Kanälen ins Auge fassen sollte, ebenso.


Kreativität im Fashionbereich meint nicht nur Design

Die Mode- und Textilbranche verändert sich in rasender Geschwindigkeit. Die Grenzen zu vertikalisierten Anbietern werden dabei immer fließender: vom Verkaufspunkt aus denkend unter Berücksichtigung unterschiedlichster Märkte und Kanäle. Und das hat Folgen für alle, die in irgendeiner Weise damit zu tun haben. Angefangen bei den Herstellern, beim Modeprodukt (und der Seele darin) über die Logistik dahinter, vom Vertrieb zum Handel, von der Inszenierung nach vorne bis zum Ladenbau drum herum. Das gilt für Zulieferer genauso wie für Dienstleister. Für Agenturen genauso wie für Filialleiter, Verkäufer oder E-Commerce-Manager. Alle tüfteln an Lösungen für die Zukunft. Keiner weiß, wie sein Geschäftsfeld in fünf Jahren dasteht. Also braucht es Beweglichkeit. Starke Ideen. Kurz: Kreativität.

Wie entsteht Kreativität?

„Kreative haben meist nicht wirklich etwas Neues getan, sondern nur: etwas gesehen. Es war einfach offensichtlich für sie. Deswegen waren sie fähig, Erfahrungen zu verbinden und neue Dinge zu kreieren“, sagte einst Steve Jobs, der Mann hinter Apple. So lässt sich denn auch einiges festhalten, was im Alltag von Ladenbauern, Software-Spezialisten und Marketing- Assistenten bedenkenswert sein kann.

Erstens: Gewohnheit ist ein Ideen-Killer. Johnny Talbot und Adrian Runhof, Gründer der Marke Talbot beispielsweise raten: „Die besten Ideen kommen, wenn man sie am wenigsten erwartet. Das Hier und Jetzt ist unsere größte Inspiration, und es lohnt sich, immer mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wichtig ist, viele Eindrücke aufzunehmen, um sie dann später, oft unbewusst, abrufen zu können.“

Vielfalt fördert Innovation

Zweitens: Perspektiv-Wechsel können helfen, Dinge anders wahrzunehmen. Einmal versuchen, das eigene Geschäft aus der Distanz zu betrachten, mit Kunden-Augen. Dinge zusammendenken, die nicht zusammengehören. Bei der Planung eines Ladens auch Anregungen ziehen aus Museen, Cafés, dem Schwimmbad oder einer Bahnhofshalle. Der Designer Tim Labenda etwa meint: „Im Arbeitsprozess kommt es immer wieder darauf an, die Stimmung einer Kollektion zu kreieren. Dazu gehören das Kollektionskonzept, die Ausrichtung der einzelnen Teile, Silhouette und Form. Schließlich soll alles am Ende ein stimmiges Gesamtbild ergeben, aus dem erkennbar wird, woher die Inspiration stammt. Das Wichtigste ist aber, auf die Bedürfnisse der Kundinnen einzugehen und diesen so gut wie es geht gerecht zu werden.“ Das gilt es online wie offline herzustellen. Noch nie war der Kunde so sehr König: Wenn der anspruchsvolle Teil der Kunden sich von standardisierten Sortimenten abwendet, dann muss der Handel seine Haltung gegenüber diesen Menschen ändern.

Drittens: Kreative Menschen haben keine Angst davor, Namen, Geld und Zeit einzusetzen für etwas, das am Ende eventuell die Erwartungen nicht erfüllt. Das kann beängstigend klingen. Doch welche Alternative hat man bei sinkender Frequenz im Handel und unberechenbarer werdenden Konsumenten? Da braucht es Kreativität auf der ganzen Linie, um Erträge besser auszuschöpfen. Auch größere Flächen müssen das in Zukunft hinkriegen. „Seien Sie stolz, ein Abweichler zu sein“, ermutigte Gill Linton vom Online-Shop Byronesque die Branche kürzlich in einem Vortrag. Nonkonformismus – eine neue Währung im Business. Beispielsweise wenn Kleider-Tauschbörsen und Kollektionen entstehen, die auf Upcycling basieren. Oder zugleich im Internet Personal-Shopper-Portale auf höchstem Niveau heranwachsen.

Teamplayer oder Solo-Thinktank?

Viertens: Brainstorming in der Gruppe wird überbewertet. Im Gegenteil, oft bremst die Gruppe sich selbst aus. Hierarchische Strukturen und Zuhören lähmen den kreativen Prozess. Untersuchungen zeigen: Alleine kommt man auf genauso viele und gute Ideen. Besser ist es oft, erst danach gemeinsam zu diskutieren. Otto Drögsler und Jörg Ehrlich, Gründer der Marke Odeeh, formulieren ihre Erfahrung nach 20 Jahren gemeinsamer Arbeit so: „Wir hinterfragen uns gegenseitig, sind unsere stärksten Kritiker und haben Respekt vor dem Feedback des anderen. Wir kämpfen jeweils für den eigenen Standpunkt und müssen uns immer wieder durchsetzen, auch im Dialog miteinander. Wenn eine Idee gut genug ist, dann erkennt der andere sie. Wenn nicht, dann fliegt sie raus, oder wir vertrauen uns und realisieren sie trotzdem“.